
Der Transportbedarf (engl. Transportation Requirement) ist das zentrale Element im SAP Transport Management (TM). Er bildet den Ausgangspunkt für den gesamten Transportmanagementprozess und definiert, welche Dokumente und Vorgänge im SAP TM verarbeitet werden. In diesem ausführlichen Artikel von SCMTMS.de werden die verschiedenen Aspekte von Transportbedarfen, deren Relevanz, und die damit verbundenen Prozesse im Detail beleuchtet.
Definition der Transportrelevanz
Die Transportrelevanz ist ein wesentlicher Faktor im SAP TM, da sie bestimmt, ob ein Dokument, wie etwa eine Lieferung, in den Transportprozess integriert wird. Diese Relevanz wird durch Steuerungsschlüssel definiert, die im Customizing von SAP S/4HANA zugewiesen werden. Der Steuerungsschlüssel entscheidet darüber, welche Dokumente an das TM übergeben werden, um dort weiterverarbeitet zu werden. Dabei können sowohl Ausgangs- als auch Eingangslieferungen als Transportbedarfe fungieren.
Customizing-Pfad „Transportrelevanz von Lieferungen“ mit Transaktion SPRO:
Transport Management -> Integration -> Logistikintegration -> Integration interne TM-Komponente -> Transportrelevanz von Lieferbelegen definieren
Customizing-Pfad „Steuerschlüssel“ mit Transaktion SPRO:
Transport Management -> Integration -> Logistikintegration -> Integration interne TM-Komponente -> Steuerschlüssel für Belegintegration definieren
Der Transportmanagementprozess
Der Transportmanagementprozess im SAP TM beginnt immer mit einem Transportbedarf. Im Basic embedded TM Prozess kann eine Ausgangs- oder Eingangslieferung als Transportbedarf dienen. Bei Advanced TM mit fortgeschrittenen Szenarien, wie der auftragsbasierten Planung, können auch Verkaufsaufträge, Bestellungen, Umlagerungsaufträge oder MM-Rahmenverträge als Transportbedarfe verwendet werden. Bei Standalone oder Side-Car SAP TM Installationen gibt es die zusätzlichen Dokumente lieferbasierte Transportbedarfe (DTR) und auftragsbasierte Transportbedarfe (OTR), auf die wir in diesem Artikel nicht weiter eingehen werden.
Der Prozessablauf ist wie folgt: Nach der Erstellung einer Lieferung, etwa im SAP S/4HANA, wird eine Frachtseinheit generiert. Diese Frachtseinheit dient als Basis für die weitere Planung. Im Regelfall werden mehrere Frachtseinheiten zu einem Frachtauftrag konsolidiert. Alternativ kann in einem „Short-Cut“-Prozess der Frachtauftrag direkt aus der Lieferung erstellt werden. Dieser Frachtauftrag ist entscheidend für Subcontracting-Prozesse und die Ausführung. Innerhalb dieser Prozesse müssen die Frachtkosten abgerechnet werden, was durch die Erstellung eines Frachtabrechnungsdokuments geschieht, das wiederum zur Erstellung der Rückstellungen mittels Frachtbestellung und Leistungserfassungsblatt verwendet wird.

Das Logistikintegrationsprofil
Das Logistikintegrationsprofil ist eine zentrale Komponente, die die grundlegenden Einstellungen für das Transportmanagement definiert. Diese Profile regeln verschiedene Aspekte, darunter:
- Regeln für den Aufbau von Frachtseinheiten: Hier kann festgelegt werden, nach welchen Kriterien Frachtseinheiten gebildet werden.
- Profile für Transportstufen: Diese Profile definieren, wie Stufen im Transportprozess aufgebaut werden.
- Integration von Incoterm-Standorten: Incoterms spielen eine wichtige Rolle, da sie die Verantwortlichkeiten zwischen Versender und Empfänger klar definieren.
Customizing-Pfad „Logistikintegrationsprofil“ mit Transaktion SPRO:
Transport Management -> Integration -> Logistikintegration -> Integration interne TM-Komponente -> Logistikintegrationsprofil definieren
Integration von Incoterms
Incoterms (International Commercial Terms) sind standardisierte Vertragsbedingungen, die international verwendet werden, um die Verantwortlichkeiten und Risiken beim Transport von Gütern zwischen Verkäufer und Käufer zu regeln. Sie legen fest, wer die Kosten und Risiken zu welchem Zeitpunkt übernimmt. Die am häufigsten verwendeten Incoterms sind:
- EXW (Ex Works): Der Käufer übernimmt alle Kosten und Risiken ab dem Werk des Verkäufers.
- FAS (Free Alongside Ship): Der Verkäufer trägt die Kosten und Risiken bis zur Bereitstellung der Ware an der Längsseite des Schiffes.
- FOB (Free On Board): Der Verkäufer trägt die Kosten und Risiken bis zur Verladung der Ware auf das Schiff.
- CFR (Cost and Freight): Der Verkäufer trägt die Kosten bis zum Bestimmungshafen, der Käufer das Risiko ab Verladung.
- CIF (Cost, Insurance, and Freight): Ähnlich wie CFR, jedoch trägt der Verkäufer zusätzlich die Versicherungskosten.
- CPT (Carriage Paid To): Der Verkäufer trägt die Kosten bis zum benannten Bestimmungsort, das Risiko geht bei Übergabe an den ersten Frachtführer auf den Käufer über.
- CIP (Carriage and Insurance Paid To): Wie CPT, jedoch trägt der Verkäufer zusätzlich die Versicherungskosten.
- DAP (Delivered At Place): Der Verkäufer trägt die Kosten und Risiken bis zur Lieferung an den benannten Ort.
- DDP (Delivered Duty Paid): Der Verkäufer übernimmt alle Kosten und Risiken inklusive Zölle und Steuern bis zum Bestimmungsort.
Die Incoterms können im SAP TM genutzt werden, um Stufen im Transportprozess basierend auf der Incoterm-Lokation zu definieren. Dies geschieht durch die Zuordnung der Incoterm-Lokation zur TM-Stammdaten Lokation, die für die Routenplanung verwendet wird.
Regeln zur Abschnittsbildung
Im Rahmen der Abschnittsbildung im SAP TM können verschiedene Regeln angewendet werden, um den Transportprozess basierend auf Incoterms und anderen Kriterien zu strukturieren. Die fünf möglichen Regeln zur Abschnittsbildung sind:
- Initial Value – Zwei aktive Abschnitte: Dies ist die Standard-Einstellung, bei der zwei planungsrelevante Abschnitte erstellt werden.
- 01: Source Location to Incoterm Location – Typ 1: Ein Abschnitt wird vom Quelllokation bis zur Incoterm-Lokation erstellt.
- 02: Source Location to Incoterm Location – Typ 2: Zwei Abschnitte werden erstellt: ein aktiver Abschnitt von der Quelllokation bis zur Incoterm-Lokation und eine zusätzlicher Abschnitt von der Incoterm-Lokation zur Ziellokation, die nicht planungsrelevant ist.
- 03: Incoterm Location to Destination – Typ 1: Ein Abschnitt wird von der Incoterm-Lokation bis zur Ziellokation erstellt. Dies ist relevant, wenn der Empfänger nur die Route von der Incoterm-Lokation bis zum Wareneingang plant.
- 04: Incoterm Location to Destination – Typ 2: Zwei Abschnitte werden erstellt: eine aktiver Abschnitt von der Incoterm-Lokation bis zur Ziellokation und eine zusätzlicher Abschnitt von der Quelllokation bis zur Incoterm-Lokation, die nicht planungsrelevant ist.
Aktualisierung der Lieferungen
Im SAP TM werden Lieferungen dynamisch an Änderungen in der Transportplanung angepasst. Diese Aktualisierungen können durch Änderungen an der Lieferung selbst oder durch Anpassungen in der Transportplanung in SAP TM ausgelöst werden.
Wenn sich Lieferdaten wie Warenausgangsdatum, Beladedatum oder Transportbeginn ändern, prüft TM, ob die Lieferung noch geändert werden kann. Ist dies der Fall, werden die neuen Planungsdaten automatisch an die Lieferung übertragen und die relevanten Frachtaufträge angepasst.
Wichtig zu beachten ist, dass TM nur Ausgangslieferungen aktualisieren kann; Eingangslieferungen müssen direkt im SAP ERP bearbeitet werden. Diese Funktionalität gewährleistet eine konsistente und aktuelle Planung innerhalb der Lieferkette.
Liefersplit
Im SAP TM können Liefersplits durch Änderungen in der Transportplanung ausgelöst werden. Wenn eine bereits an TM übermittelte Lieferung gesplittet wird, entstehen zwei Lieferungen: die angepasste Originallieferung und eine neue Lieferung für die gesplitteten Positionen. TM erstellt dabei neue Frachtaufträge und passt die bestehenden entsprechend an.
Ein Liefersplit ist erforderlich, wenn beispielsweise Frachtaufträge für unterschiedliche Abschnitte der Transportkette zugewiesen werden. TM prüft, ob der Lieferstatus Änderungen zulässt, und führt den Split durch, indem die betroffenen Frachtaufträge neu geplant werden.
Blockhandling
Blockhandling im SAP TM ermöglicht es, bestimmte Versanddokumente für die weitere Planung oder Ausführung zu sperren. Hierbei kann zwischen einem Planungsblock, einem Ausführungsblock oder beidem unterschieden werden. Dies geschieht durch die Auswahl eines Sperrgrundes und des entsprechenden Dokumententyps im Customizing. Die Sperrung verhindert, dass weitere Planungsschritte oder Ausführungsprozesse im TM durchgeführt werden, solange der Block aktiv ist.
Handling Units
Eine Handling Unit (HU) ist eine logistische Einheit, die aus Verpackungsmaterialien und den zu transportierenden Gütern besteht. Im SAP TM wird die gesamte HU verfolgt, anstatt einzelne Materialien. Dies erleichtert die Verwaltung und Nachverfolgung von Sendungen, insbesondere wenn es darum geht, verschiedene Materialien in einer einzigen logistischen Einheit zusammenzufassen. Jede HU erhält eine eindeutige Identifikationsnummer, die sie über den gesamten Transportprozess hinweg eindeutig identifiziert.
Die Nutzung von Handling Units ist besonders vorteilhaft, da sie als gemeinsame Einheit für den Material- und Informationsfluss dient. Geschäftstransaktionen, die eine HU betreffen, führen im Hintergrund zu entsprechenden Materialbewegungen und weiteren Geschäftsvorgängen für die enthaltenen Materialien und Verpackungen. In globalen Logistikketten ist es oft notwendig, dass die Identifikationsnummer einer HU weltweit einzigartig ist. Daher besteht die Möglichkeit, jeder HU eine Serial Shipping Container Code (SSCC)-Nummer zuzuweisen.
Verpackungsmaterialien
Verpackungsmaterialien sind unerlässlich, um die zu transportierenden Güter zusammenzuhalten oder zu umschließen. Sie bilden zusammen mit den Gütern die Handling Unit. Zu den wichtigsten Verpackungsmaterialien gehören Kisten, Container, Gitterboxen und Paletten. Jedes Verpackungsmaterial muss als eigenständiger Materialstamm im System gepflegt werden, um in der Handhabung genutzt werden zu können.
Fazit
Der Transportbedarf ist ein zentrales Element im SAP TM und steuert den gesamten Prozess vom ersten Bedarf bis zur endgültigen Ausführung. Durch eine sorgfältige Konfiguration der Transportrelevanz, der Logistikintegrationsprofile und der Handling Units lässt sich der Transportprozess effizient und flexibel gestalten. SAP TM bietet Unternehmen eine umfassende Lösung, um die Herausforderungen moderner Logistikprozesse zu bewältigen und gleichzeitig die Transparenz und Effizienz in der gesamten Lieferkette zu erhöhen.